»In the veld - (Karoo walks)«

Residency Februar/ März 2020 in Price Albert, Südafrika

zu Gast durch die Prince-Albert-Gallery, Church-Street, PA

Zeilen zu:
»In the veld - (Karoo walks)« - Temperamalereien und  Zeichnungen 2020/21

Im Frühjahr 2020 ergab sich aufgrund einer Einladung der Prince-Albert-Gallery die Möglichkeit für einen mehrwöchigen Aufenthalt in der Großen Karoo, der prägenden Halbwüste der Südafrikanischen Hochebenen nördlich des Bergmassivs der Swartberge.

Der Betreiber der PA-Gallery, Brent Phillips-White, und die Künstlerin Mary Anne Botha stellten mir eine Wohngelegenheit und einen Arbeitsraum in der Galerie des Verwaltungsstädtchens Prince Albert zur Verfügung, das nun den Ausgangspunkt für die Erkundungen und ausgedehnten Wanderungen in der Umgebung bildete. Ich war bereits ein paar Jahre zuvor bei einer weitläufigen Reise durch verschiedene Teile des Landes durch das Gebiet der Großen Karoo gekommen. Es waren die besondere Beschaffenheit des Geländes, die Konstellation und die spezifische Farbigkeit ihrer Erscheinungsformen, die mein Interesse schon auf der ersten Durchreise auf sich gezogen  und die mich wieder hierher geführt hatten. Abfolgen verschiedenfarbigen Gesteins der frühen Erdzeitalter Perm und Trias und Sedimentschichten aus jüngeren Sandgesteinen in einer außergewöhnlichen Dichte prägen das Bild dieses kargen Landstrichs am Fuße der Swartberge. Nördlich des Bergmassivs erstreckt sich das in Hügeln auslaufende Steppenland, »the veld«, wie es in der Region genannt wird, der in ferner Weite begrenzte Horizont. Der rasche Wechsel von Wolkenformationen, die bei ständigem Wind über das Land getrieben werden erhöhen den Eindruck einer immerfort wechselnden Vielgestaltigkeit der an und für sich ruhenden Landschaft.

Schon frühmorgens wurden die täglichen Ausfahrten gemacht. Meist hatte ich von den Einheimischen einen Tipp zu idealen Ausgangspunkten für meine Wanderungen bekommen. Man erhielt oft sehr vage Angaben und fuhr vorerst einmal mit dem Wagen los, um dann zu Fuß weiter zu gehen, die Landschaft zu erkunden, sich diese zu
»er-gehen«. Ohne dass vorher ein Weg oder ein Ziel festgesetzt worden war, »ent-wickelte« sich die Strecke der Wanderungen, indem man ein beliebiges markantes Detail im Gelände als Teilstreckenziel anpeilte, einen Stein, eine Weggabelung, einen Busch oder dergleichen. Von dort aus ging man schließlich wieder weiter, legte erneut einen Fixpunkt fest, von jenem aus wieder den nächsten und den nächsten ... Es entstand im Gelände so eine Art Gewebe des Gehens, die durch den Gehenden definiert wurde, eine Zeichnung, eine Partitur, die man zu Fuß durchschritt. An den Enden der jeweiligen Striche dieser gedachten Zeichnung wurde innegehalten. Man sah sich um, orientierte sich aus Neue. Man hält das eine oder andere fest, »inhalierte« die Landschaft oder, wie es im Englischen in seiner ursprünglichen Bedeutung so zum Ausdruck gebracht werden kann: »to learn the landscape by heart«. (To learn something by heart means that you have understood it before committing it to memory.)

Im Atelierraum der Galerie konnten die ersten Eindrücke verarbeitet werden. Mitgebrachte Fotografien wurden gesichtet und vorsortiert, Notizen und Zeichnungen frisch zu Papier gebracht, die für die Temperamalereien, die schließlich im Salzburger Atelier ausgeführt werden konnten, die Grundlage bilden.

Schon bald nach den ersten Wanderungen im Gelände war klar geworden, dass die Gemälde, die entstehen sollten, vor allem den außergewöhnlichen Lichtverhältnissen und der Farbigkeit der speziellen Farb- und Formensprache der Landschaft geschuldet sein müssen. Es wurde entschieden, die Malerei in Eitempera auszuführen, die durch ihre kreidig-matten Oberflächenlicht und der verwendeten reinen Pigmente das charakteristische Licht der Landschaft und seiner Besonderheit hervorzuheben vermögen. Es sind kleine und mittlere Formate, die gewählt wurden. Doch in ihrer strengen, beinahe »abstrakten« Komposition, der farbigen und malerischen Verdichtung wohnt ihnen in ihrer bescheidenen Größe Monumentales inne: der farbige Sand, das Buschwerk und Gesteinsbrocken, kleine Verschiebungen, die Silhouette ferner Erhebungen und Wolkenformationen über dem weiten Horizont lösen sich im Detail in reiner, informellen Farbmalerei auf.

Wie schon bei vorangegangenen Projekten »Das Große Bild hat keine Form« (2017) und »flotsam and jetsam (Medusa)« (2019) handelt es sich bei »In the veld – (Karoo walks)« um eine Arbeit in der verschiedene Medien gleichermaßen zum Zug kommen und die miteinander verbunden sind. Die Bildwerke der verschiedenen Medien verweisen aufeinander, befruchten einander und arbeiten in ihren verschiedenen Parametern die Spezifika der jeweiligen Mittel heraus.

Wie im Prozess des Gehens in der Landschaft, wie beim Wahrnehmen und Begreifen der unterschiedlichen Begegnungen, werden die jeweiligen Mittel aufgegriffen, mit denen die die verschiedenen Wahrnehmungen adäquat zum Ausdruck gebracht werden können. Ohne einer Hierarchisierung der verwendeten Medien ergibt sich für den Betrachter in deren Zusammenspiel eine Zeugenschaft, ein Teilhaben und eine Annäherung an einen Aspekt des Künstlerischen Handelns, dem Ergehen und Erwandern dieser Landschaft.

                                                                                                                                                                                                             Salzburg im Frühjahr 2021